Leïla Slimani, „Trag das Feuer weiter“
Ich habe nichts mitgenommen, als ich die Farm verließ. Zuerst hatte ich gedacht, ich würde irgendwelchen Nippes, ein paar Erinnerungsstücke, ein Buch oder ein Fotoalbum einpacken wollen, doch dann ließ ich es bleiben. Je länger ich dort war, desto mehr widerstrebte es mir, Schubladen oder Schränke zu öffnen, mich wie ein Grabräuber zu benehmen. Die Dinge um mich herum bereiteten mir Alpträume, und Nachts bedrängten mich Bilder von Leichen. Ich fürchtete, Geheimnisse auszugraben, geliebte Frauen wieder auftauchen zu sehen, Schrullen zu entdecken, abstoßende oder banale Obsessionen. Ich habe weder das Heft meines Vaters wiedergefunden, das mit dem violetten Umschlag, noch die maschinengeschriebenen Geschichten meiner Großmutter. Ich habe Tibari beauftragt, alle Kartons zu verbrennen. Ich hasse Romane, in denen jemand ein verschollenes Manuskript findet, Kassetten mit Bekenntnissen, die Spuren eines Lebens, das man nicht gelebt hat. Das ist zu einfach, so etwas existiert nicht, und mit der Zeit gibt es keine Geheimnisse mehr, sondern nur noch Rätsel. »Je weniger du weißt, desto besser ist es«, sagte mein Vater, und inzwischen denke ich, dass er recht hatte. Überlassen wir die Wahrheit den Familien, die keine Phantasie haben.
(Leïla Slimani, „Trag das Feuer weiter“)
„Bei Leïla Slimani trifft Intensität der Gefühle, auch des Begehrens, auf eine kühle Sprache. Mit kühnen dramaturgischen Schnitten verbindet sie Menschen, Ereignisse und Historie zu einer atemlosen Lektüre. Um den Ambivalenzen der Welt zu begegnen, gibt es kein besseres Mittel als Romane wie diesen.“ (Martina Läubli, NZZ)
„Was für ein schönes, großes, reiches Buch … Leïla Slimani hat es so lebendig, mitreißend, einfühlsam und wahrhaftig aufgeschrieben und Amelie Thoma hat es so gut übersetzt, dass wir beim Lesen tief versinken in dieser marokkanisch-französischen Familiengeschichte.“ (Volker Weidermann, DIE ZEIT)
„Die Trilogie ist so spröde, klug und poetisch, wie nur Literatur sein kann, die nichts vereinfacht, nichts beschönigt, ihren Figuren aber genau darin Würde verleiht.“ (Sabine Rohlf, Berliner Zeitung)
Der Abschluss ihrer Familientrilogie ist zugleich ein hoch politisches und Leïla Slimanis persönlichstes Buch, das mich sehr berührt hat. Tastend sucht sie im Schreiben eine tiefere Wahrheit als die der vermeintlichen Fakten und offenbart sich selbst wie in keinem ihrer bisherigen Romane.
Hier geht es zur hörenswerten Besprechung von Sarah Murrenhoff auf Radio3.
Hier komme ich als Übersetzerin in Frank Meyers Sendung Radio3 am Morgen zu Wort.
Hier geht es zu den Stationen von Leïla Slimanis Lesereise in München (18.1.26), Wien (19.1.26), Hamburg (20.1.26) und Berlin (21.1.26)
Und hier zu „Trag das Feuer weiter“ auf der Seite des Luchterhand Verlags und im Webshop meiner Lieblingsbuchhandlung Uslar&Rai.