Leïla Slimani, „Schaut, wie wir tanzen“

Die Arbeiter betraten den Garten und kennzeichneten mit Pflöcken, die sie in den Boden trieben, ein Rechteck von zwanzig mal fünf Metern. Sie achteten darauf, die Blumen nicht mit ihren Gummistiefeln zu zertrampeln, und diese rührende, aber nutzlose Aufmerksamkeit ging Mathilde zu Herzen.

Sie gaben dem Baggerfahrer ein Zeichen, der seine Zigarette aus dem Fenster warf und den Motor anließ. Mathilde zuckte zusammen und schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, grub sich die gewaltige metallische Klaue in den Boden. Die Hand eines Riesen drang in die schwarze Erde ein und setzte einen moosigen Humusgeruch frei. Sie riss alles aus, was ihr in die Quere kam, und mit der Zeit entstand ein großer Haufen aus Erde und Steinen, auf dem leblose Sträucher und enthauptete Blumen ruhten.
Diese eiserne Hand war Amines Hand. Das dachte Mathilde an jenem Vormittag, den sie reglos hinter dem Wohnzimmerfenster verbrachte. Sie wunderte sich, dass ihr Mann dem Schauspiel nicht hatte beiwohnen wollen, um nach und nach die Blumen und Bäume fallen zu sehen. Er hatte ihr versichert, dass diese Grube nur hier sein könne. Dass man sie direkt neben dem Haus ausheben müsse, an der sonnigsten Stelle des Grundstücks. Ja, da, wo der Flieder stand. Da, wo früher einmal der Zitrangenbaum gewachsen war.
(Leïla Slimani, „Schaut, wie wir tanzen“)

„Gleich auf den ersten Seiten stechen die atmosphärisch dichten Sätze ins Auge, die vielfach geschichtet sind und schillern wie ein orientalischer Teppich.“ (Sandra Kegel/FAZ)

„In weitem Bogen erzählt Slimani das Schicksal der einzelnen Familienmitglieder und damit auch die Geschichte Marokkos in den 70er Jahren. Und sofort kehrt man fasziniert in diesen Kosmos der Belhajs zurück, wie bei einem langerwarteten Familientreffen, bei dem man sich unbedingt auf den neuesten Stand der Dinge bringen will.“ (Doris Wegner/Augsburger Allgemeine)

Eine Zeit voller Widersprüche, eine Familie voller Risse, zerrissene Figuren voller Widersprüche, die gerade deshalb so glaubhaft sind, beschreibt Leïla Slimani im zweiten Band ihrer Familientrilogie. Die fein austarierte Balance zwischen episch-poetischen Passagen und der für die Autorin typischen Straffung und Klarheit zu erhalten war die Herausforerung und das Vergnügen bei dieser Übersetzung.

Hier geht es zum äußerst hörenswerten Gespräch von Leïla Slimani und Ruthard Stäblein auf der ARD Bühne der Frankfurter Buchmesse 2022.

Und hier zu „Schaut, wie wir tanzen“ auf der Seite des Luchterhand Verlags.