Christelle Dabos, „Die Spur der Vertrauten“
Manche Instinkte sind schwerer zu ertragen als andere, aber es gibt Schlimmeres, als eine Vertraute zu sein. Ich habe mal einen von der Schule für Dienstbarkeit kennengelernt, einen Ernährer mit einer Reichweite von 68 Metern.
Er konnte nicht anders, als allen Obdachlosen im Viertel seine Mahlzeiten zu geben, und wäre beinahe verhungert. Trotzdem, wenn ich eines begriffen habe, mit Leib und Sinnen und nicht nur, weil man es uns seit jeher eintrichtert, dann, dass alle, wirklich alle Instinkte ihren Platz in der großen Partitur der Welt haben. Ich höre sie jeden Tag, diese menschliche Sinfonie. Und sobald ich einen schiefen Ton bemerke, möchte ich ihn korrigieren.
… Schon wieder Heißhunger. Ich begebe mich, mit dem Aufzug, in die Kantine. Die Tische zwischen den hohen Wänden aus rotem Beton sind voll besetzt mit Schülern, die sich, Kopfhörer auf den Ohren, halb über ihr Frühstück, halb über ihren Lernstoff beugen. Ein Wechsel aus Kaffee und Fakten, Kakao und Karteikarten. Niemand redet mit niemandem in der Schule für Vertrauen, eine Frage des Prinzips. Man tauscht Post-its und lernt, eng zu schreiben.
Ich lausche ihnen mit den Augen. Luc und Zoe lackieren sich Seite an Seite die Nägel: wieder versöhnt. Fanny sieht besser aus als gestern: ausgeschlafen. Joe wippt im Rhythmus seines Reggae mit dem Stuhl: wieder gut drauf. Auf der Zielgeraden vor den Prüfungen verbringe ich meine Abende damit, Aspirin und Taschentücher zu verteilen. Viele wissen nicht mal, wie ich heiße, aber ich kenne sie inzwischen alle, meine Mitschüler, ich habe gelernt, den Klang jedes ich im Konzert des Wir herauszuhören, und bisher genügte das, um mein Herz wie ein Metronom schlagen zu lassen.
Bis zu dem einen schiefen Ton zu viel. Lucies leerem Zimmer.
(Christelle Dabos, „Die Spur der Vertrauten“)
„Christelle Dabos kann nicht nur sensationellste Fantasy, sondern auch unschlagbar-genialste Dystopie … . Was man hier in die Hände bekommt, ist Erzählkunst auf höchstem Niveau.“ (Susann Fleischer, Literaturmarkt.info)
„Aber dass hinter jeder Szene eine weitere Geschichte steckt, stecken kann, ist nicht das Wenigste, was Dabos ihren Lesern mitgibt.“ (Eva-Maria Magel, Frankfurter Allgemeine)
„Dabos besitzt die Gabe des Erzählens. Ihre Figuren gehen ans Herz, sind stimmig in ihrer Entwicklung und liebenswert mit ihren Fehlern.“ (Horst Illmer, hermkes romanboutique)
Bei Christelle Dabos habe ich immer wieder das Gefühl, dass sie ihre Geschichten nicht erfindet, sondern erlebt, sich ihre Protagonisten nicht ausdenkt, sondern persönlich kennt. Ihre Plots sind stets schwindelerregend, doch auf dieselbe verstörende Weise stimmig wie ein Bild von Escher. In ihrer neuen, spannenden „vitage Dystopie“ mit 80er-Jahre-Flair verhandelt sie nichts weniger als die Frage, wie glücklich eine Gesellschaft wäre, in der die Menschen durch einen angeborenen Instinkt dazu getrieben würden, nur Gutes zu tun …
Sehr glücklich hat mich übrigens das inspirierende Übersetzerinnen-Tandem mit Nadine Püschel gemacht (-:
Hier geht es zu „Die Spur der Vertrauten“ auf der Seite des Rotfuchs Verlags und im Webshop meiner Lieblingsbuchhandlung Uslar&Rai.
Und hier möchte ich ausnahmeweise noch auf Christelle Dabos‘ fantasievoll bestückten Instagram-Account verlinken, sowie auf den Account der Schauspielerin und Sprecherin Christiane Marx, die den Roman gefühlvoll eingelesen und uns auf die Frankfurter Buchmesse begleitet hat.